Von Oper bis Open Air: Wie Lucas Reuter 90 Events zum Festival formt

 

[Anzeige]

Seit Herbst 2024 der künstlerische Leiter der Ludwigsburger Schlossfestpiele: Lucas Reuter. Bild: Eva Werner

Lucas Reuter (42) startet in seine zweite Festspielzeit als Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele. »Hallo Ludwigsburg« hat ihn zum Interview getroffen und wollte von ihm wissen, was ein Intendant eigentlich macht, welche Events er euch diese Saison empfiehlt und was Musik ihm persönlich bedeutet.


»Musik ist mein
Leben.«

Lucas Reuter gibt
Einblicke in seinen Job
als Intendant.


Lucas, du warst der Erste, der im vergangenen Jahr die bildenden Künste als neue Sparte zu den Festspielen hinzugefügt hat. Was hast du dir dabei gedacht?

Das Profil der Ludwigsburger Festspiele ist seit jeher – bereits seit dem Intendanten Wolfgang Gönnenwein – von großer Vielfalt geprägt. Es ist ein Festival, das nicht nur Oper, Klavier oder einen bestimmten Komponisten oder eine Komponistin im Fokus hat, wie beispielsweise bei den Richard-Wagner-Festspielen. In Ludwigsburg realisieren wir Opernproduktionen, präsentieren Konzerte, Tanz und Ballett und gelegentlich auch Literatur. Diese große Bandbreite an Sparten ist ein wesentliches und prägendes Merkmal des Ludwigsburger Festivals. Um das noch stärker zu betonen, haben wir die bildende Kunst gezielt in den Fokus gerückt, um uns innerhalb dieses Portfolios noch vielfältiger, noch diversifizierter zu machen.

Inzwischen steht in jeder Festspielzeit eine Künstlerin oder ein Künstler mit ihrem bzw. seinem Œuvre im Mittelpunkt. In diesem Jahr ist es Hann Trier mit seinen großformatigen, sehr bewegten und dynamischen Gemälden. Die Werke sind vom 13. bis 19. Juli 2026 in einer Ausstellung in der alten Porzellanmanufaktur zu sehen. An Vorstellungstagen im Residenzschloss öffnet die Ausstellung jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn.

Wo holst du dir Inspiration für neue künstlerische Ideen und mit wem du zusammenarbeiten willst?

Ich arbeite seit rund 20 Jahren am Theater. Mit 21 Jahren habe ich als Assistent von Klaus Zehelein an der Staatsoper Stuttgart angefangen. Insofern bin ich tief in der Materie drin: Viele Ideen sind bereits da, und mit vielen Künstlerinnen und Künstlern habe ich schon in anderen Kontexten zusammengearbeitet. Natürlich erhalte ich auch permanent neue Impulse und Ideen, etwa wenn ich auf anderen Festivals oder Konzerten bin.

Bestimmte Überlegungen trage ich immer mit mir herum: Was wollen wir zeigen? Wie wollen wir Inhalte im Festival erzählen? Und manches verändert sich auch im Laufe der Zeit. Da kann sich nach einem halben Jahr auch eine Idee noch verschieben, und man merkt: Hier müssen wir nochmal daran arbeiten und nachschärfen.

Bild: Hans Gerritsen

Gehst du auch Trends mit?

Wir machen keinen Mainstream. Die Ludwigsburger Schlossfestspiele sind die Internationalen Festspiele Baden-Württemberg und damit das Landesfestival. Das ist wichtig, um das Festival zu verstehen. Sie haben dadurch eine herausgehobene Stellung in der Festivallandschaft im Land, die natürlich künstlerisch eingelöst werden muss. Das ist mein Selbstverständnis für diese Institution, dass wir hier künstlerisch besondere Produktionen zeigen und nicht einfach nach Verkaufbarkeit oder Trends gehen. Wir machen nicht einfach das, was sieben andere Festivals auch tun.

In Ludwigsburg gibt es unglaublich viele spannende Spielorte. Ist das auch deine Entscheidung, welche Orte ihr bespielt?

Ja, natürlich. Die meisten Entscheidungen sind allerdings produktionsbedingt. Das heißt: Die Produktionen, die wir im Forum am Schlosspark zeigen, können ausschließlich dort stattfinden – ebenso wie Inszenierungen im Schlosstheater nur im Schlosstheater möglich sind. Generell gehört daher bereits zum ersten Schritt, die Spielstätten mitzudenken und in die Planung einzubeziehen.


Was ist das Besondere an den Ludwigsburger Schlossfestspielen?

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele zählen zu den ältesten Festivals im deutschsprachigen Raum. 1932 gegründet, werden sie 2032 ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Sie sind ein extrem vielfältiges Festival und hinsichtlich der Sparten, wie Ballett, Tanz, Oper, Konzert, World & Jazz und mehr, das am breitesten aufgestellte Festival Baden-Württembergs.

Seit 1980 tragen sie zusätzlich den Titel »Internationale Festspiele Baden-Württemberg«. Lucas Reuter ist der 6. Intendant der Festspiele und seit Oktober 2024 im Amt. Am 12. Juni 2026 beginnt seine zweite Festspielzeit, die ganze 90 Vorstellungen an 54 Tagen umfasst und bis zum 5. August 2026 läuft.

Bild: Rainer Pfisterer


Was sind generell die Aufgaben eines Intendanten?

Das Kerngeschäft des Intendanten der Schlossfestspiele besteht darin, den Spielplan zu erstellen und das inhaltliche Profil zu definieren. Ein Intendant wählt Stücke und Werke aus, entwickelt Programme und entwirft dramaturgische Linien.

Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Aufgabenfelder. Bei unserem Festival ist es so, dass ich neben meiner Tätigkeit als Intendant auch die Position des ersten Geschäftsführers innehabe. Das heißt, dass ich mich gemeinsam mit Johannes Ernst, unserem zweiten Geschäftsführer, auch um Finanzen, Kalkulationen, Verträge und Drittmittel kümmere. Ich bin erster Ansprechpartner für das Kuratorium, für unsere Sponsoren, Förderer und die unterstützenden Stiftungen. Also das Aufgabenfeld ist sehr breit und vielfältig.

Wie sieht dein Alltag als Intendant aus?

Ich führe viele Gespräche – mit einzelnen Künstlerinnen und Künstlern, aber auch mit Kollektiven, Orchestern und Intendantinnen oder Intendanten anderer Theater und Festivals, mit denen wir Koproduktionen realisieren. Vieles läuft telefonisch und digital ab, einige Kreative treffe ich auch persönlich. Und wenn Künstlerinnen und Künstler während der Festspielzeit hier sind, nutzen wir die Gelegenheit und sprechen schon über die nächsten Projekte. Wir haben einen sehr langen Planungsvorlauf, in der Regel denken wir zwei bis drei Jahre voraus. Somit stehen für die großen Produktionen 2027 bereits einige Termine.

Wie grenzt du dich von vorherigen Intendanten ab?

Ich habe hier bei den Schlossfestspielen vor 15 Jahren als Dramaturg unter Thomas Wördehoff angefangen und in dieser Zeit vieles miterlebt. Ich definiere meine Arbeit nicht in bewusster Abgrenzung zu meinen Vorgängern. Vielmehr folge ich meinem eigenen künstlerischen Verständnis. Daraus entstehen meine Festspiel-Programme. Natürlich unterscheiden sich diese von dem, was beispielsweise Jochen Sandig oder auch Thomas Wördehoff gemacht haben. Das liegt vor allem daran, dass wir unterschiedliche Persönlichkeiten und Generationen sind, die unter immer neuen Voraussetzungen arbeiten.

Wie groß ist euer Team?

Momentan sind wir mit Hinblick auf die kommende Festspielzeit ein bisschen gewachsen. Diverse Volontäre sind an Bord gekommen, sodass wir nun rund 20 Personen sind.

Wie wird man Intendant?

Es gibt keinen klassischen Berufsweg zum Intendanten. Es gibt auch keine konkrete Ausbildung, die dafür Voraussetzung wäre. In vielen Häusern übernehmen auch Künstlerinnen oder Künstler diese Funktion – Dirigenten, Pianistinnen, oder Sängerinnen. Hier in Ludwigsburg entschied eine Findungskommission über die Nachfolge von Jochen Sandig. So ein Gremium setzt sich in der Regel aus Vertreterinnen und Vertretern des Trägerumfelds zusammen, also in unserem Fall aus Stadt Ludwigsburg und Land Baden-Württemberg sowie aus Fachleuten mit künstlerischer Prägung.

Die Kommission ging auf mögliche Kandidaten zu, gleichzeitig konnte man sich auch selbst bewerben. Nachdem die Zukunftskommission eine Empfehlung abgegeben hatte, startete der Aufsichtsrat ein Bewerbungsverfahren. Ich wurde von der Kommission angesprochen und gebeten, eine Bewerbung samt Konzept einzureichen. Das habe ich getan – und mich natürlich sehr gefreut, als die Entscheidung schließlich auf mich fiel.

Lucas Reuter: »Wenn Musik – oder Kunst – nicht das Leben wären, dann könnte man den Job auch nicht gut machen.« Bild: Esther Janiesch

Im Jahr 2032 steht das 100-jährige Jubiläum der Schlossfestspiele an. Möchtest du daran gern beteiligt sein?

Darauf arbeiten wir natürlich hin – ein solches Jubiläum braucht schließlich einen Vorlauf von vier, fünf oder sogar sechs Jahren. Gleichzeitig liegt das Jahr 2032 aktuell außerhalb meiner Vertragslaufzeit. Mein Vertrag läuft bis ins Jahr 2030. Somit wird der Aufsichtsrat sich perspektivisch entscheiden müssen, ob er die Zusammenarbeit mit mir fortsetzen möchte. Aber diese Frage steht zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht zur Debatte.

Was fasziniert dich an der klassischen Musik?

Ich bin in Stuttgart aufgewachsen und habe als Kind und Jugendlicher viel Musik gemacht. Schon als kleiner Bub mit acht Jahren habe ich bei den Hymnus-Chorknaben mitgesungen, habe Instrumente gespielt, an »Jugend musiziert« teilgenommen und in diversen Orchestern gespielt. Die Musik war ein großer Teil meines jugendlichen Lebens. Nach dem Abitur habe ich zwar weiter viel Musik gemacht, mich aber dennoch für ein Architekturstudium entschieden, weil ich glaubte, Musik als Hobby weitermachen zu können. Doch das war mir zu wenig. Darum habe ich gewechselt und dann Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte studiert.

Was bedeutet dir Musik in deinem Leben?

Musik ist mein Leben. Es gibt keine klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben und auch keine geregelten Arbeitszeiten, bei denen man um neun beginnt und um 18.30 Uhr aufhört. Das Berufsleben umfasst nahezu jeden Abend und auch das Wochenende sind ganz normale Arbeitstage. Wenn Musik – oder Kunst – nicht das Leben wären, dann könnte man den Job, glaube ich, auch nicht gut machen.

Welche Musikrichtungen hörst du privat?

Ich höre immer die Musik, an der wir gerade arbeiten – also Stücke und Künstler, die für kommende Festspielzeiten in Frage kommen.

Freiburger Barockorchester im Ordenssaal, Residenzschloss Ludwigsburg. Bild: Rainer Pfisterer

Hörst du im Auto auch mal Pop- oder Rockmusik?

Im Auto höre ich tatsächlich gar nicht so viel Musik, dort lasse ich sie meistens aus. Ich höre Musik lieber abends, wenn ich hier allein im Büro bin – dann kann ich auch mal lauter aufdrehen, ohne jemanden zu stören.

Wie hörst du Musik am liebsten?

Ich habe einen ganzen Haufen CDs in meinem Büro, die sich seit vielen Jahren angesammelt haben. Vieles höre ich aber inzwischen auch digital.

Was machst du in deiner Freizeit, wenn du nicht arbeitest?

So viel Freizeit gibt es nicht. Ich versuche, ein wenig Sport zu machen. Außerdem wohne ich am Stadtrand in Hoheneck und gehe jeden Tag zu Fuß in die Stadt und wieder nach Hause.

Durch den Favoritepark?

Ich würde gerne durch den Favoritepark gehen, auch wenn es ein Umweg wäre. Morgens ist er allerdings –zumindest im Winter – noch geschlossen und abends hat er schon wieder zu. Die Bottwartalstraße entlangzulaufen, ist aber auch schön. Die Schafe und Ziegen dort haben vor Ostern kleine, schneeweiße Lämmer bekommen – das ist natürlich sehr niedlich.

Ist es üblich, dass man, wie du, zwei Jobs hat: die künstlerische Leitung des Forums und die Intendanz der Schlossfestspiele?

Das ist durchaus eine gewisse Besonderheit, aber nicht vollkommen unüblich. Auch anderswo gibt es Intendanten, die parallel eine Theater- und eine Festival-Intendanz innehaben.

Und wie schafft man das?

Ja, das ist natürlich sehr viel Arbeit. Man muss einfach die Aufgaben annehmen und natürlich viel Zeit investieren. Aber es funktioniert. Der Schwerpunkt liegt klar bei den Festspielen. Das liegt auch daran, dass beim Forum die kommenden Spielzeiten schon stark vorgeplant waren, als ich hier bei den Festspielen angefangen habe. Auch dort arbeiten wir mit einem Vorlauf von zwei bis drei Jahren.

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele 2026 beginnen im Juni. Was sollte man in dieser Festspielsaison nicht verpassen?

Ich glaube, um die Ludwigsburg Schlossfestspiele wirklich kennenzulernen und in unseren besonderen Festspielkosmos einzutauchen, sollte man sich mehrere Produktionen anschauen. Besonders empfehlenswert ist eine der wunderbaren Opern im Schlosstheater – das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Man sollte auch zu einer der kostenlosen Parkmusiken im Favoritepark oder am Seeschloss Monrepos kommen. Dann natürlich das Monrepos Open Air besuchen, dieses Mal mit drei Konzerten, es gehört quasi zur traditionellen Festspiel-DNA. Neu sind die Festspielnächte in der Karlskaserne, ein Open-Air-Format mit World Music, Jazz und tollen Künstlerinnen und Künstlern aus Portugal, Brasilien, Korea und den Niederlanden. Ich würde insgesamt also empfehlen, ganz unterschiedliche Formate der Festspiele zu erleben.

Dein Tipp für alle, die noch gar keine Berührungspunkte mit den Schlossfestspielen hatten?

Einfach ganz locker und unverkrampft in die Festspielzeit eintauchen, zum Beispiel bei den Festspielnächten in der Karlskaserne oder auch beim Monrepos Open Air, wo man sich auch spontan einen Picknickplatz kaufen kann. Auch eine Opernproduktion im Schlosstheater kann super spannend sein, um den Raum und diese besondere Atmosphäre dort zu erleben, selbst wenn man kein klassischer Opernfan ist.


Lucas Reuters Tipp
für Festspiel-Neulinge:

»Einfach ganz locker und unverkrampft in die Festspielzeit eintauchen.«


Was für ein Publikum wünschst du dir für die kommende Saison?

Wir sind ein Festival für alle Generationen. Wir haben auch Produktionen für Kindergartenkinder und Grundschüler mit der Puppenphilharmonie im Keller unseres Palais Grävenitz. Das Schöne ist: Viele unserer Veranstaltungen werden von Eltern mit Kindern oder von Großeltern mit Jugendlichen besucht. Das ist das Wunderbare bei uns, dass dieses Festival alle Generationen anspricht und vereint.

Letztes Jahr kamen rund 28.000 Gäste. Wie viel wünscht ihr euch dieses Jahr?

Auch in dieser Größenordnung – vielleicht ein bisschen mehr. Wir peilen rund 30.000 Gäste an und hoffen, dass wir dieses Ziel erreichen. Der Vorverkauf läuft gut, einige Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Woran erkennst du am Ende dieser Saison, dass du erfolgreich warst?

Das zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen, aber entscheidend ist für mich vor allem, dass man mit den Künstlerinnen, Künstlern und mit dem Publikum sehr intensive Abende erlebt. Ich bin eigentlich jeden Abend vor Ort – nur bei Doppelvorstellungen geht das natürlich nicht immer. Aber ich versuche, fast alles selbst zu sehen, weil mir dieser direkte Eindruck wichtig ist.

Wie lange sind deine Tage innerhalb der Saison?

Vor Mitternacht ist selten Schluss. Eher später. Wenn ich zu Hause ankomme, brauche ich erstmal noch eine gute Stunde, um runterzukommen und den Tag zu verabschieden.

Bevor die Festspielzeit 2026 beginnt, ladet ihr die Öffentlichkeit in eure historischen Räume ein. Was erwartet die Menschen beim »Tag im Palais« am 25. April in Ludwigsburg?

Genau, wir öffnen dieses architektonische Juwel für die Öffentlichkeit. An diesem Tag haben wir von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Es gibt Führungen durch die Räumlichkeiten des Palais, außerdem musikalische Überraschungen an verschiedenen Stationen. Ich selbst gebe einen kleinen Programmeinblick, es gibt gute Getränke, eine Schnitzeljagd für Kinder und die Möglichkeit, den atemberaubenden Kostümfundus der Schlossfestspiele zu erkunden. Die Kostüme und Accessoires können nicht nur angeschaut, sondern auch anprobiert und erworben werden.

 

Herzliche Einladung
zum »Tag im Palais«

Samstag, 25. April 2026
11 Uhr bis 16 Uhr
Marstallstr. 5, Ludwigsburg
Eintritt frei

 

Veröffentlichung: 20.04.2026
Interview: Tabea Lerch
Bilder: Ludwigsburger Schlossfestspiele bzw. siehe Bildunterschrift